John Harvey: Schau nicht zurück

John Harvey: Schau nicht zurück. - München: dtv, 2007

Die Polizistin Maddy Birch wird bei einem Polizeieinsatz Zeugin bei der Erschießung des mutmaßlichen Verbrechers James Grant – Notwehr, so heißt es bei der anschließenden Untersuchung, aber es bestehen Zweifel, denn plötzlich war neben dem Erschossenen eine kleine Derringer-Pistole aufgetaucht, über deren Herkunft Maddy sich nicht ganz sicher ist. Ein paar Tage später ist Maddy tot, beim Joggen erstochen. Als der pensionierte Detective Inspector Frank Elder Interesse an dem Fall zeigt, da er die Polizistin von früher kennt, wird er gebeten, bei der Aufklärung behilflich zu sein. Ist sie vielleicht das Opfer eines früheren Liebhabers geworden, der von seinen jeweiligen Freundinnen befremdliche Sexpraktiken verlangte? Oder steckt mehr hinter der Sache? Elder verfolgt den Verdacht, Polizisten könnten in illegale Machenschaften verwickelt sein – und gerät dabei in Lebensgefahr.

Die Frank-Elder-Romane von John Harvey (dies ist der zweite) haben einen melancholischen Grundton. Frank Elder, geschieden und Vater einer Tochter, die nicht mehr mit ihm spricht, hat sich in einem kleinen Häuschen im tiefsten Winkel von Cornwall verkrochen und ist froh, wenn er niemanden sehen muß, nur seiner Gutmütigkeit und Neugier ist es zu verdanken, dass er sich ‚reanimieren‘ läßt und ins Gewühl der Menschen zurückkehrt. Als seine Ex-Frau ihn anruft, er möge sich um seine traumatisierte Tochter kümmern (siehe „Schrei nicht so laut“, den erste Elder-Roman), die langsam Gefahr läuft ins Drogenmilieu abzurutschen, fährt er sofort los, allerdings ohne viel Hoffnung, etwas ausrichten zu können. Normalerweise hasse ich solche privaten Verstrickungen in einem Krimi – was gehen mich die Privatscherereien der Ermittler an? Muß ich damit belästigt werden? Gut, manchmal mag es sinnvoll sein, in der Regel ist es ein nervtötender dramaturgischer Trick, den Leser emotional an die Figur zu binden, was mir kolossal auf die Nerven geht. Hier nicht – Harvey schafft es durch seine unaufgeregte Art, daß ich wissen will, was da passiert.
Voller Überraschung begegnet man einem alten Bekannten – Charlie Resnick, Detective in Nottingham und Hauptperson der zehnbändigen Resnick-Reihe von Harvey, von denen nur sechs ins Deutsche übersetzt wurden und die im Buchhandel nicht mehr erhältlich sind. Als Harvey mit dem ersten Elder-Roman relativ viel Erfolg in Deutschland hatte, habe ich mit bewusster Naivität eine email an den Goldmann-Verlag geschrieben, er möchte doch bitte die restlichen Resnick-Romane übersetzen lassen und die ganze Reihe neu auflegen – sie haben mir erwartungsgemäß nicht geantwortet. Zum Haare ausraufen: Da sorgt so ein schlechter bis mittelmäßiger Kram wie die Bücher von Donna Leon oder Elizabeth George für riesige Auflagen, und einer der Besten des Genres wird dem Publikum vorenthalten. Dabei bin ich mir sicher: Wären die Resnick-Romane ansprechend aufgemacht und nicht angeboten worden wie die letzte Schundliteratur, was der Goldmann-Verlag in den vergangenen Jahren ja gern unterschiedslos machte, auch sie würden - und diesmal gerechterweise - ein großes Publikum finden.

Stieg Larsson: Verdammnis

Stieg Larsson: Verdammnis. - München: Heyne, 2007

Lisbeth Salander hat gute Gründe, mit dem Journalisten Mikael Blomvist nichts mehr zu tun haben zu wollen – also gondelt sie, durch ihren frisch und illegal erworbenem Reichtum dazu befähigt, in der Weltgeschichte herum. Wieder zurück in Schweden erfährt sie, daß er an einer Geschichte über Mädchenhandel arbeitet, und entdeckt Namen, die sie persönlich betreffen. Sie ermittelt auf eigene Faust. Als nicht nur der recherchierende Journalist Dag Svensson und dessen schwangere Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden werden, sondern auch der staatlich bestellte Betreuer Lisbeths Nils Burman erschossen wird und in beiden Fällen ihre Fingerabdrücke in unmittelbarer Nähe bzw. an der Waffe gefunden werden, beginnt eine beispiellose Hatz auf sie. Doch nicht nur Presse und Polizei versuchen sie zu finden, auch Leute, von denen Lisbeth nur vermuten kann, wer sie sind, trachten ihr nach dem Leben. Mikael Blomkvist versucht unterdessen, das Dickicht zu entwirren, er ist der einzige, der an Lisbeths Unschuld glaubt, doch die entzieht sich seiner Hilfe weitgehend. So langsam entwickelt sich ihm aber das Bild eines Skandals, der weit in die schwedische Geschichte zurückreicht und der mit Lisbeths Leben unmittelbar verbunden ist.

Auch diesen zweiten Teil der Trilogie von Stieg Larsson habe ich gern gelesen, auch wenn man die ersten 250 Seiten gut auf 50 hätte kürzen können. Doch der Stil ist gewohnt flüssig, man liest das so weg und entwickelt Interesse an den Personen. Es gibt allerdings manche Übertreibungen, die meines Erachtens nicht nötig gewesen wären, so gibt es z.B. einen bösen Menschen, der nicht nur sehr groß und unglaublich stark ist, sondern auch aufgrund eines genetischen Defekts keinen Schmerz empfindet – ein quasi unbesiegbarer böser Superheld. Die hochintelligente Lisbeth Salander, bei der man vermutlich eine leichte Form von Autismus diagnostizieren kann, löst nebenbei ein mathematisches Rätsel (den Fermatschen Satz), dessen Lösung in der Wirklichkeit viele Generationen von Mathematikern beschäftigt hat – völlig überflüssig. Auch der Showdown am Ende ist zwar spannend, aber hanebüchen.

Der zweite Teil ist im Gegensatz zum ersten, der in sich geschlossen ist, ein echter Fortsetzungsroman, wenn man wissen will, wie alles ausgeht, muß man auch den dritten Teil lesen. Ich freu mich schon darauf.

Ed McBain: Späte Mädchen sterben früher

Ed McBain (4): Späte Mädchen sterben früher (The Con Man, 1957). - Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1987

Die nicht mehr ganz junge Frau, deren Leiche man aus dem Fluß gezogen hat, ist nicht ertrunken, sonder an einer Arsenvergiftung gestorben. Sie hat eine Tätowierung an der Hand, bestehend aus den Buchstabem MAC und einem Herz drumherum. Ist sie die seit kurzem vermißte Mary Louise Proschek, die ihre Eltern mit über 4000 Dollar in der Tasche verlassen hat, um in der Großstadt ihr Glück zu suchen? Steve Carella vom 87. Polizeirevier macht sich auf die Suche nach Tätowier-Studios, um Anhaltspunkte zu finden, und auch seine taubstumme Frau Teddy ist nicht untätig: Wie es der Zufall will, stolpert sie über eine heiße Spur und begibt sich in Lebensgefahr.
Wenn die Detectives Arthur Brown und Bert Kling nicht so stur auf der Suche nach Trickbetrügern wären, hätte der Mörder schon hinter Schloß und Riegel sitzen können …

In einer früheren Besprechung habe ich geschrieben, das 87. Polizeirevier liege in New York. Hier nun werde ich eines Besseren belehrt, McBain sieht sich zu einer Vorbemerkung genötigt: “Die hier geschilderte Stadt existiert nicht; Personen und Schauplätze sind frei erfunden. Nur Arbeit und Untersuchungsmethoden der Polizei sind wirklichkeitsgetreu dargestellt.” - und das auch hier wieder angenehm, leicht, mit ironischem Augenzwinkern und sympathischen Figuren. Das macht Spaß und Lust auf mehr. Zum ersten Mal läßt auch die Sprache der Übersetzerin nichts zu wünschen übrig.
Ein Zitat von der ersten Seite mag einen kleinen Eindruck vermitteln:
“Gesetz und Gesetzeshüter bestreiten keinem Menschen das Recht, dem Dollar nachzujagen. Sie befassen sich nur mit den Mitteln und Wegen, wie der begehrte Mammon erworben wird. Sollten Sie beispielsweise eine spezielle Vorliebe fürs Safeknacken haben, dürfte Sie das strafende Auge des Gesetzes treffen. Oder falls sie gern Ihren Mitmenschen eins über den Schädel hauen und ihnen die Brieftasche klauen, können Sie kaum der Polizei die Schuld daran geben, wenn man Sie etwas scheel ansieht. Oder, gesetzt den ein wenig extremen Fall, daß Sie sich Ihren Lebensunterhalt durch Waffenverleih gegen Geld verdienen, daß Sie Ihre Revolver dazu verwenden, gegen Honorar Menschen zu erschießen - dann dürfen Sie sich wirklich nicht wundern! Sie können jedoch auch ein Gentleman bleiben, ein Leben voller Abenteuerromantik mit kriminellem Einschlag führen, die Welt sehen, eine Menge reizende Leute kennenlernen, zahllose eisgekühlte Drinks schlürfen und trotzdem viel Geld verdienen … Und alles damit, daß Sie die Leute übers Ohr hauen. Sie können, kurz gesagt, die Betrügerlaufbahn einschlagen.”

Nick Stone: Voodoo

Nick Stone: Voodoo. - München: Goldmann, 2007

Max Mingus, einst gefeierter Polizist, dann erfolgreicher Privatdetektiv, hat nichts mehr zu verlieren: Als er nach sieben Jahren aus dem Knast kommt, in dem er wegen Totschlags gesessen hatte, ist seine heiß geliebte Frau gerade an einer Hirnblutung gestorben, und aufgrund seiner Taten hat er in den Staaten Berufsverbot. So läßt er sich halb widerwillig auf das Angebot der Milliardärsfamilie Carver aus Haiti ein: Er soll den fünfjährigen jüngsten Sproß der Familie, der seit zwei Jahren vermißt wird, für 10 Millionen Dollar aufspüren. Er fliegt also nach Haiti, wo ihm eine Angestellte der Familie, Chantale, als Assistentin an die Seite gestellt wird. Mit ihr zusammen versucht Mingus, die Umstände der Entführung aufzuklären: Hat der geheimnisvolle Herrscher der Slums, der Rebell Vincent Paul, etwas damit zu tun? Welche undurchsichtige Rolle spielte die Familie Carver während der Terrorherrschaften der Duvaliers (Papa Doc und Baby Doc)? Was hat es mit der Legende von Monsieur Clarinette auf sich, dem ein ähnlicher Einfluß zugeschrieben wird wie dem Rattenfänger von Hameln? Tatsächlich verschwanden schon immer Kinder auf unbekannte Weise – Mingus kommt grausigen Zusammenhängen auf die Spur, die ihn nicht nur tief in die von Aberglauben gekennzeichnete und stark verarmte Gesellschaft von Haiti führen, sondern auch die heuchlerische Verstrickung der USA in die grauenvolle Geschichte Haitis zeigen.

Der Roman, Nick Stones Erstling, ist nicht schlecht: Mehr oder weniger geschickt wird der Plot mit der Geschichte eines der ärmsten und meistausgebeuteten Länder der westlichen Hemisphäre verwoben. Die Schuld der Mächtigen und Reichen reicht weit in die Geschichte des Landes zurück, die skrupellos ihre Interessen mit Hilfe der Amerikaner durchsetzten. Ganz konkret werden humanistische Fehlentscheidungen der amerikanischen Regierungs-Administrationen jeglicher Couleur zugunsten von wirtschaftlichen Interessen angeprangert und dem Leid eines im Voodoo-Glauben verhafteten Volkes gegenübergesetzt. Stilistisch gelingt das nur mäßig: Die einzige Erzählperspektive ist die von Max Mingus, und das ist manchmal etwas holperig, vielleicht hätte sich der Autor besser für die Ich-Perspektive entschieden? Viele Dinge, Mingus betreffend, sind unglaubwürdig, z.B. war er noch nie in Haiti, spricht die üblichen Sprachen nicht und hat keine Bekannten dort – die schlechtesten Voraussetzungen für ein Engagement, die man sich vorstellen kann. Und so hat er auch oft mehr Glück als wahrscheinlich ist - na ja, ist eben ein Roman. Was mir manchmal richtig auf die Nerven ging, waren die stellenweise miese Sprache und äußerst mißglückte Szenen, z.B. S. 250, Mingus interviewt einen alten weisen Voodoo-Priester: „Es steckte vielleicht nicht mehr allzu viel Leben in Dufour, aber Max spürte den eisernen Willen, der seinen gebrechlichen Körper aufrecht hielt.“ Immer wieder gibt es solche ironiefreien und klischeeverliebten Sätze. Aber Stone übt ja noch.

Ed McBain: Der Pusher

Ed McBain (3): Der Pusher (Pusher, 1956). - Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1987

Winter. Anibal Hernandez wird von Streifenpolizist Dick Genero tot in seiner Wohnung gefunden, erhängt, so wie es auf den ersten Blick aussieht, doch bald stellt sich heraus, das der junge Pusher (heute würde man sagen: Drogendealer) an einer Überdosis Heroin gestorben ist, und offensichtlich hat das jemand als Selbstmord tarnen wollen. Auch die Spritze, die neben dem Opfer liegt, trägt fremde Fingerabdrücke. Carella und Kling tappen im Dunkeln, die Befragung der drogensüchtigen Schwester, die sich für ihre Sucht prostituiert, führt Carella auch nicht weiter. Er schnüffelt ein bißchen in der Drogenszene herum und erfährt, daß ein gewisser Gonzo der Nachfolger sein soll. Er macht sich auf die Suche, ohne zu wissen, daß er sich in Lebensgefahr begibt. Währenddessen erhält der Chef des 87. Polizeireviers Peter Byrnes einen anonymen Anruf, die Fingerabdrücke auf der Spritze sollen seinem heroinabhängigen achtzehnjährigen Sohn Larry gehören – Byrnes fällt aus allen Wolken, dachte er doch bisher, Oberhaupt einer völlig intakten Familie zu sein. Heimlich spioniert er seinem Sohn nach, und siehe da, Larry war nie Mitglied des Schultheaters, wo er angeblich seine Abende verbringt …

Der Plot dieser Geschichte ist wieder mal nicht besonders ausgeklügelt, aber das macht nichts: Es macht einfach Spaß, so langsam in diesen kleinen Kosmos einzutauchen, der wie ein Kaleidoskop erleuchtet wird. Es werden uns kleine genau geschilderte Versatzstücke des (Polizei-)Alltags gezeigt, die durch den Bogen der Geschichte nur gehalten werden, die abwechselnden Schauplätze haben nur bedingt miteinander zu tun. Wir erhalten kleine, konzentrierte Einblicke in die Forensik (Laboruntersuchungen, Fingerabdrücke etc.), in das Leben puertorikanischer und anderer Einwanderer, in die Wandlung einzelner Straßenzüge, in ein durchschnittliches amerikanisches Familienleben, der Bürotrott des 87. Polizeireviers wird immer wieder angerissen. Und immer wieder, wie auch in den bisherigen Romanen, gibt es kleine, elegante Absätze über das Leben in der Stadt. Einen kurzen Abschnitt möchte ich zitieren, der ganz typisch für McBain ist (und der mit dem Fall nichts zu tun hat):

„In den Straßen drängten sich die letzten Kunden. Die Zeit wurde knapp. Die Reklamefachleute, die seit dem Erntedankfest die Kundschaft bearbeitet hatten, betranken sich jetzt eilig in ihren Büros. Die Öffentlichkeit sah sich gefangen in diesen geschäftstüchtigen Machinationen eines Festes, das völlig die Proportion zu der schlichten Geburt von Bethlehem verloren hatte. Die Leute rannten und eilten, wunderten sich und machten sich Sorgen. War das Geschenk für Josephine teuer genug? Waren alle Weihnachtskarten zur Post gebracht worden? Und der Baum – hätte er nicht längst gekauft sein müssen? Trotz des bunten Glitzerspieles, das die reklametüchtigen Superhirne in Szene setzten, trotz des kommerziellen Wettlaufes, zu dem man das Weihnachtsfest gemacht hatte, gab es da noch etwas anderes. Einige Menschen sahen sich Gefühlen ausgesetzt, die sie nicht beschreiben konnten. Es war Weihnachten. Das heilige Fest. Einige Leute blickten hinter den Tand und das elektrische Funkeln, sie übersahen die zahllosen Weihnachtsmänner mit ihren schäbigen Mänteln und Bärten in der Hall Avenue. Einige Menschen empfanden etwas anderes als das, was die Reklamefachleute ihnen vormachen wollten. Einige Menschen fühlten sich wohl und empfanden Freude, sie waren freundlich und erfreuten sich ihres Lebens. Das bewirkte Weihnachten bei einigen Leuten.“

Duane Louis: Blondes Gift

Duane Louis: Blondes Gift. - München: Heyne, 2007

Jack sitzt in der Flughafenbar, als ihm eine ihm fremde Frau eröffnet, sie habe ihm gerade Gift in sein Bier getan, er werde noch zehn Stunden leben. Jack hält das für eine interessante Art der Anmache und die Frau für eine Spinnerin, auch wenn sie ihm genau erklärt, wie die Symptome verlaufen werden. Sie stellt die Forderung, er müsse nun bei ihr bleiben, dann würde sie ihm das Gegengift geben. Jack verabschiedet sich – kein Grund, unhöflich zu werden – aber kaum in seinem Hotel angelangt, geht die Kotzerei los. Offensichtlich hat die Frau nicht gescherzt. Schnell fährt er mit dem Taxi zurück zum Flughafen und kommt gerade noch rechtzeitig: Die Frau verabschiedet sich mit einem langen Kuß von einem Begleiter und fährt mit Jack zurück ins Hotel. Dort erzählt sie ihm eine irre Geschichte: Sie, Kelly White, sei Mitarbeiterin in einem Labor gewesen, daß mit Nanopartikeln zur Ortung von Entführungsopfern experimentiert. Sie habe sich mit einem Serum infiziert, nun würden sich die von einem Satelliten ortbaren Nanoteilchen in ihren Körpersäften virengleich vermehren, aber es sei etwas schief gegangen, die Teilchen seien ein Ortungssystem, das feststellen könne, wenn sich in einem Radius von drei Metern niemand in ihrem Umkreis befinde. Wenn das der Fall sei, würde ihr Gehirn explodieren, was mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ihren Tod bedeuten würde.

Perspektivenwechsel. Der Mitarbeiter des nach dem 9/11-Debakel ins Leben gerufenen Ministerium für Heimatschutz Kowalski wird gern als Killer eingesetzt. Der Ex-GI erhält seine Befehle über Handy, und eine seiner besonderen Fähigkeiten ist, keine Fragen zu stellen. Unterbrochen in seiner Privatfehde gegen die italienische Mafia von Philadelphia (die hatte seine schwangere Freundin getötet, seitdem eliminiert er peu à peu alle ihre Mitglieder), erhält er den Auftrag, den von Kelly White am Flughafen geküßten Mann zu verfolgen. Noch nicht lange in seinem Haus, liegt dieser tot in seinem Bad – sein Hirn ist explodiert. Kowalski erhält den Befehl, den Kopf abzutrennen und zu einem bestimmten Ort zu bringen, was aber für ihn bedeutet, nicht nur die hysterische Frau des Opfers, sondern auch einen neugierigen und habgierigen Nachbarn ruhig zu stellen – sprich: Zu töten. Kowalski ist langsam genervt: Der Kontaktmann erscheint nicht, stattdessen soll er in das Hotel fahren und Kelly White sicherstellen, den Kopf in einer Sporttasche immer dabei …

Und so geht’s immer weiter, die Handlung rennt und rennt und rennt – in immer unwahrscheinlichere Verläufe. Die Kapitel sind teilweise nur Sekundenabschnitte, es gibt noch mehr Leichen, Prügeleien, unglaubliche Szenen, ein bißchen ist das ganze wie ein Comic. Die Auflösung ist läppisch, nicht nur weil der bisher unbescholtene Jack en passant seine Frau, die sich von ihm scheiden lassen will, umbringt, um die Fürsorgefrage für das gemeinsame Kind für sich zu entscheiden: Die Ausgangssituation und der Verlauf der Geschichte sind so abstrus, die Geschwindigkeit so rasant, daß dem Verfasser wahrscheinlich nichts besseres einfiel, als sie einfach mit einer kleinen Lösung auslaufen zu lassen. Nett sind die satirischen Seitenhiebe auf den amerikanischen Sicherheitswahn seit dem 11. September 2001 und seine Gefahren, und die Charakterisierung des Killers Kowalski, dem sein Ausweis als Mitarbeiter des Heimatschutzministeriums Tür und Tor öffnet, macht Spaß. Insgesamt jedoch halte ich den Roman für mißlungen. Kann man lesen, muß man aber nicht, ich war am Ende eher unbefriedigt: Schnell gelesen, aber ebenso schnell wieder vergessen.

Ed McBain: Clifford dankt Ihnen

Ed McBain (2): Clifford dankt Ihnen (The Mugger, 1956). - Neuaufl.- Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1982

Es ist Herbst. Steve Carella ist in Flitterwochen, also müssen seine Kollegen vom 87. Revier die Arbeit allein machen. Ein Straßenräuber treibt sein Unwesen, Wallis und Havilland, beide Detektive 3. Klasse, hören immer die selbe Geschichte: Der Räuber, der immer eine Sonnenbrille trägt, zieht Frauen in eine dunkle Ecke, nimmt ihnen ihre Handtasche weg, schlägt ihnen ein blaues Auge als Warnung, kein Theater zu machen, und verabschiedet sich schließlich mit einer Verbeugung und den Worten: „Clifford dankt Ihnen.“ Dreizehn Frauen wurden schon auf diese Art überfallen und so langsam wird die Bevölkerung unruhig.
Zugleich wird Streifenpolizist Bert Kling, der in „Polizisten leben gefährlich“ (s.u.) aus Versehen eine Kugel eingefangen hat und deshalb noch krank geschrieben ist, von einem alten Schulkollegen gebeten, mal mit seiner 17jährigen Schwägerin zu sprechen, die den Eindruck macht, als sei sie in schlechte Gesellschaft geraten. Widerwillig trifft Kling das junge Mädchen namens Jeannie Paige, um ihr ins Gewissen zu reden. Ein paar Tage später ist sie tot. Neben ihr findet man eine zerbrochene Sonnenbrille – ist sie Cliffords vierzehntes Opfer? Kling ermittelt auf eigene Faust und macht dabei die unangenehme Bekanntschaft der Kollegen aus der Mordkommission …

Auch im zweiten 87.-Revier-Roman ahnt man schnell, wie die Zusammenhänge und die Auflösung sind, und auch die Aufklärung der Überfälle ist eher unspektakulär, aber das macht gar nichts. Der Ton ist witzig, die Figuren kriegen so langsam Leben (Havilland z.B. bedient sich gern brutaler Verhörmethoden, Kling verliebt sich unsterblich in eine Zeugin), was nicht zuletzt daran liegt, daß über dreiviertel des Romans aus meist gelungenen Dialogen besteht, immer wieder unterbrochen von elegant formulierten Reflexionen über die Stadt.
Hat Spaß gemacht, den Roman zu lesen, ich bin schon gespannt auf den nächsten.

Stieg Larsson: Verblendung

Stieg Larsson: Verblendung. - 5. Aufl. - München: Heyne, 2007. - 687 S.

Mikael Blomkvist, bislang angesehener Wirtschaftsjournalist Mitte 40 und Mitherausgeber der kleinen, aber renommierten Zeitschrift „Millennium“, wird wegen Rufmord zu einer hohen Geldstrafe und drei Monaten Gefängnis verurteilt – er ist einer Intrige des 200-Milliarden-Kronen-schweren Industriellen Wennerstroem zum Opfer gefallen. Blomkvist zieht sich zurück und läßt sich widerwillig von Henrik Vanger, einem betagten Familienpatriarchen einer alten Industriellendynastie, engagieren, um dessen Nichte Harriet zu suchen, die vor 43 Jahren unter ungeklärten Umständen spurlos verschwand. Vanger ködert den Journalisten mit Informationen über Wennerstroem, so daß Blomkvist sich auf den Deal einläßt: Ein Jahr lang soll er auf der kleinen Insel Hedeby, dem Familiensitz der Vangers, recherchieren, der Lohn wird unabhängig vom Resultat ausgezahlt. Tief dringt Blomkvist nun in die Familienstruktur ein, teilweise gegen massiven Widerstand der Beteiligten, und versucht, den Ablauf des Tages, an dem Harriet verschwand, genau zu rekonstruieren: Wie konnte sie unbemerkt verschwinden von einer Insel, die an dem Tag von der Außenwelt abgeschottet war, was wußte Harriet, das vielleicht einem ihrer Verwandten gefährlich werden konnte? Warum sträuben diese sich nun, konstruktiv mit Blomkvist zusammenzuarbeiten? Das Leben sei kein Agatha-Christie-Roman, sagt Blomkvist einmal, und so kommt es, daß er Geheimnisse zu Tage fördert, deren Grauenhaftigkeit jeder Beschreibung spottet, und die ihn selbst in Lebensgefahr bringen …
Parallel wird die Geschichte Lisbeth Salanders erzählt, eine eigentümliche junge Frau Mitte 20: Dürr, mit vielen Tattoos und Piercings bestückt, macht sie eher den Eindruck eines verstörten drogensüchtigen Teenagers als den einer kompetenten Mitarbeiterin einer Sicherheitsagentur, bei der sie sich als Freie durchgesetzt hat. Und ein bißchen gestört ist sie wohl auch: Asperger-Syndrom, denkt Blomkvist einmal, das ist eine leichte Form von Autismus. Ihre Fähigkeiten sind phänomenal: Vermutlich ist sie die beste Hackerin Schwedens, sie hat ein fotografisches Gedächtnis, ihr Unrechtsbewußtsein allerdings ist, was die eigenen ‚kleinen‘ Vergehen anbelangt, recht schwach ausgeprägt. Und trotz ihres Hilflosigkeit ausstrahlenden Aussehens weiß sie sich auch in schwierigen Situationen zu helfen, wie der Umgang mit ihrem staatlich bestellten und, wie sich herausstellt, sadistischen Betreuer zeigt.
Da Blomkvist in der Endphase seiner Recherche Hilfe braucht, wird Salander zu seiner Assistentin – und rettet ihm das Leben.

Trotz seiner fast 700 Seiten ist dies ein empfehlenswerter Roman. Ich gebe zu, ich war etwas skeptisch, denn ich finde, das häufig anzutreffende Attribut „schwedisch“ für Kriminalromane ist an sich noch kein Qualitätsmerkmal, wie uns die Werbung weismachen will. Die Recherchen in den Familienangelegenheiten nehmen breiten Raum ein, werden aber (fast) nie langweilig, denn die Personen sind glaubhaft konstruiert. Die ‚Helden‘ Blomkvist und Salander sind oft voller Selbstzweifel, das ist gut, das macht sie trotz aller besonderer Fähigkeiten lebensnah und nachvollziehbar. Die Kritik an der schwedischen Wirtschaft ist eigentlich eine Anklage eines ungebremsten kapitalistischen Verhaltens, das sich bar jeder Moral weltweit durchzusetzen versucht, ein Umstand, dem jedenfalls in Schweden, so Larsson, die Wirtschaftspresse zu wenig entgegen setzt. Laut Klappentext ist dies der erste Teil einer Trilogie des leider viel zu früh verstorbenen Stieg Larsson.
Ich freu mich schon auf den nächsten Teil.

Minette Walters: Fuchsjagd

Minette Walters: Fuchsjagd (Fox Evil). - München: Goldmann, 2007. - 476 S.

Der junge Londoner Rechtsanwalt Mark Ankerton verbringt die Weihnachtstage auf dem Sitz seines Mandanten, des pensionierten Colonel James Lockyer-Fox, um ihm beizustehen. Die Frau von Lockyer-Fox ist nämlich gerade unter mysteriösen Umständen gestorben: Sie ist nachts auf der Terrasse des eigenen Hauses erfroren. Obwohl Lockyer-Fox offiziell von jedem Verdacht freigesprochen wurde, brodelt die Gerüchteküche in dem kleinen Ort Shenstead, besonders angeheizt durch zwei seiner besser gestellten Damen, Eleanor Bartlett und Prue Weldon, die sich nicht nur in aller Öffentlichkeit das Maul zerreißen, sondern Lockyer-Fox mit nächtlichen Anrufen terrorisieren. Ankerton sieht an seinem leicht heruntergekommenen Mandanten erschrocken, daß die Zermürbungspraxis erfolgreich zu sein scheint, denn noch eine Person ruft mit verstellter Stimme ständig an und droht mit Insiderwissen aus den nicht immer glücklichen Annalen der Familie. Der Colonel verdächtigt seinen verstoßenen Sohn, ein Spieler und Gauner, dem Erhalt des Erbes etwas nachhelfen zu wollen, und bemüht sich deshalb um Kontakt zu seiner 28jährigen Enkelin, die ein Kind seiner drogensüchtigen Tochter ist und als Baby zur Adoption freigegeben wurde. Die Enkelin, Nancy Smith, kommt auch nach erstem Zögern zu Besuch und versucht, Mark Ankerton in seinen Bemühungen zu unterstützen, Licht in die undurchsichtigen Verhältnisse zu bringen.

Zeitgleich besetzt fahrendes Volk, also nichtsesshafte New-Ager, unter der Führung eines charismatischen, aber brutalen Mannes, der sich Fox Evil nennt, ein kleines Wäldchen in Shenstead, das nach urkundlichen Angaben niemandem gehört, um das Bleiberecht zu ‚ersitzen‘. Schnell wird jedoch klar, daß Fox Evil Schlimmeres im Schilde führt und seine Mitstreiter nur für seine eigenen Zwecke mißbraucht.

Wer ist dieser Evil Fox? Was wird aus seinem unterentwickelten, aber intelligenten 10-jährigen Sohn? Warum erschlägt jemand brutal Füchse und wirft ihre Kadaver auf Lockyer-Fox‘ Terrasse? Was wird aus dem fahrenden Volk? Welches böse Spiel spielen die drogensüchtige Tochter und der spielsüchtige Sohn? Werden Ankerton und Nancy ein Liebespaar? Muß man diesen Roman lesen?

Zumindest die letzte Frage will ich beantworten: Nein, im Gegenteil, es ist nur meiner Ankündigung einer Besprechung zu verdanken, daß ich bis zum Ende durchgehalten habe: Das Buch ist überflüssig und langweilig, die absolut uninteressanten Familienverhältnisse werden wieder und wieder durchgekaut, die Figuren sind klischeehaft und blaß, nicht einmal der vermeintliche Oberschurke erhält Tiefe. Spaß machen lediglich die Charakterisierungen der beiden Waschweiber Prue und Eleanor, die mit satirischer Überspitzung dargestellt werden, und das einzige, was einen bei der Stange hält, ist die Sprache: Die kann schon was, die Walters, die Dialoge sind an einigen Stellen sehr geschliffen, der sprachliche Stil insgesamt verrät einiges an Talent. Das ist allerdings nicht Neues, schließlich ist das hier ihr neunter Roman. Insgesamt rate ich von der Lektüre ab, mir jedenfalls ist er mächtig auf die Nerven gegangen.

Robert Littell: Die kalte Legende

Robert Littell: Die kalte Legende (Legends). - Frankfurt am Main: Scherz, 2006

In Geheimdienstkreisen bedeutet der Begriff “Legende” eine Tarngeschichte für einen Agenten, die möglichst wasserdicht sein muß, um auszuspionierende Gruppen infiltrieren zu können. Ex-CIA-Agent Martin Odum hatte schon viele Legenden, dummerweise hat er aufgrund eines Traumas vergessen, wer er denn nun wirklich ist: Ist sein Name, sind seine Gewohnheiten und Abneigungen, seine Wesensart und Fähigkeiten seine eigenen, oder auch nur Teile einer Legende? Mindestens zwei weitere Identitäten sind ihm sehr präsent und schaffen sich manchmal Raum, obwohl sie ganz anders sind, als die Identität Martin Odum … Nun arbeitet er als Privatdetektiv, dem es ein angenehmer Gedanke ist, sich zu Tode zu langweilen, als ihm eine junge Frau den Auftrag erteilt, den verschollenen Mann ihrer strenggläubig-jüdischen Schwester zu suchen: Die Ehe wurde nie vollzogen, und zur Scheidung muß der Mann die entsprechenden Papiere unterschreiben. Odum hat nicht viel Interesse an dem Fall, zumal er nach Israel reisen müßte, als aber seine Ex-Chefin ihm unerwarteterweise zu verstehen gibt, daß es zu seinem eigenen Besten sei, die Finger davon zu lassen, wird er neugierig - und nimmt den Auftrag an. Es beginnt eine abwechslungsreiche Odyssee durch halb Europa (London, Prag, Litauen, Moskau), die Geschichte wird immer vertrackter, alle möglichen Gruppen scheinen ihm neben der CIA nach dem Leben zu trachten. Langsam beginnt Martin Odum, sich zu erinnern …

Dieses Buch hat 2007 den Deutschen Krimipreis erhalten - ich habe nicht genug Krimis im letzten Jahr gelesen, um beurteilen zu können, ob es nicht vielleicht noch bessere gegeben hat, dieser hier ist jedenfalls wirklich sehr sehr gut. Eine immer komplexer werdende Geschichte, die zum Schluß weltgeschichtliche Ereignisse zu erklären versucht, und trotzdem liest sie sich wie ein rasanter, mit Witz und Ironie geschriebener Abenteuerroman. Die Rückblicke, die die verschiedenen Legenden lebendig machen, sind kurzweilig, die Liebesgeschichte amüsant und nur wenig kitschig, und die Beschreibung der Skrupellosigkeit verbrecherischer Politiker und Machtmenschen wird durch den hohen Unterhaltungswert des Buches nie relativiert. Eine gute Geschichte mit aufklärerischer Aussage in einem lakonischen, perfekt ausbalancierten Ton erzählt - bravo!

Nur zum Schluß ein kleiner Wermutstropfen: Selbstjustiz, so gerechtfertigt sie auch zu sein scheint und zu deren Zustimmung Littell uns geneigt machen will, ist immer, immer reaktionär.

PS: Die Besprechungen sämtlicher Romane von Robert Littell findet man hier.