Robert Littell: Die kalte Legende

Robert Littell: Die kalte Legende (Legends). – Frankfurt am Main: Scherz, 2006

In Geheimdienstkreisen bedeutet der Begriff „Legende“ eine Tarngeschichte für einen Agenten, die möglichst wasserdicht sein muß, um auszuspionierende Gruppen infiltrieren zu können. Ex-CIA-Agent Martin Odum hatte schon viele Legenden, dummerweise hat er aufgrund eines Traumas vergessen, wer er denn nun wirklich ist: Ist sein Name, sind seine Gewohnheiten und Abneigungen, seine Wesensart und Fähigkeiten seine eigenen, oder auch nur Teile einer Legende? Mindestens zwei weitere Identitäten sind ihm sehr präsent und schaffen sich manchmal Raum, obwohl sie ganz anders sind, als die Identität Martin Odum … Nun arbeitet er als Privatdetektiv, dem es ein angenehmer Gedanke ist, sich zu Tode zu langweilen, als ihm eine junge Frau den Auftrag erteilt, den verschollenen Mann ihrer strenggläubig-jüdischen Schwester zu suchen: Die Ehe wurde nie vollzogen, und zur Scheidung muß der Mann die entsprechenden Papiere unterschreiben. Odum hat nicht viel Interesse an dem Fall, zumal er nach Israel reisen müßte, als aber seine Ex-Chefin ihm unerwarteterweise zu verstehen gibt, daß es zu seinem eigenen Besten sei, die Finger davon zu lassen, wird er neugierig – und nimmt den Auftrag an. Es beginnt eine abwechslungsreiche Odyssee durch halb Europa (London, Prag, Litauen, Moskau), die Geschichte wird immer vertrackter, alle möglichen Gruppen scheinen ihm neben der CIA nach dem Leben zu trachten. Langsam beginnt Martin Odum, sich zu erinnern …

Dieses Buch hat 2007 den Deutschen Krimipreis erhalten – ich habe nicht genug Krimis im letzten Jahr gelesen, um beurteilen zu können, ob es nicht vielleicht noch bessere gegeben hat, dieser hier ist jedenfalls wirklich sehr sehr gut. Eine immer komplexer werdende Geschichte, die zum Schluß weltgeschichtliche Ereignisse zu erklären versucht, und trotzdem liest sie sich wie ein rasanter, mit Witz und Ironie geschriebener Abenteuerroman. Die Rückblicke, die die verschiedenen Legenden lebendig machen, sind kurzweilig, die Liebesgeschichte amüsant und nur wenig kitschig, und die Beschreibung der Skrupellosigkeit verbrecherischer Politiker und Machtmenschen wird durch den hohen Unterhaltungswert des Buches nie relativiert. Eine gute Geschichte mit aufklärerischer Aussage in einem lakonischen, perfekt ausbalancierten Ton erzählt – bravo!

Nur zum Schluß ein kleiner Wermutstropfen: Selbstjustiz, so gerechtfertigt sie auch zu sein scheint und zu deren Zustimmung Littell uns geneigt machen will, ist immer, immer reaktionär.

PS: Die Besprechungen sämtlicher Romane von Robert Littell findet man hier.

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4 Kommentare

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