Ed McBain: Der Pusher

Ed McBain (3): Der Pusher (Pusher, 1956). – Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1987

Winter. Anibal Hernandez wird von Streifenpolizist Dick Genero tot in seiner Wohnung gefunden, erhängt, so wie es auf den ersten Blick aussieht, doch bald stellt sich heraus, das der junge Pusher (heute würde man sagen: Drogendealer) an einer Überdosis Heroin gestorben ist, und offensichtlich hat das jemand als Selbstmord tarnen wollen. Auch die Spritze, die neben dem Opfer liegt, trägt fremde Fingerabdrücke. Carella und Kling tappen im Dunkeln, die Befragung der drogensüchtigen Schwester, die sich für ihre Sucht prostituiert, führt Carella auch nicht weiter. Er schnüffelt ein bißchen in der Drogenszene herum und erfährt, daß ein gewisser Gonzo der Nachfolger sein soll. Er macht sich auf die Suche, ohne zu wissen, daß er sich in Lebensgefahr begibt. Währenddessen erhält der Chef des 87. Polizeireviers Peter Byrnes einen anonymen Anruf, die Fingerabdrücke auf der Spritze sollen seinem heroinabhängigen achtzehnjährigen Sohn Larry gehören – Byrnes fällt aus allen Wolken, dachte er doch bisher, Oberhaupt einer völlig intakten Familie zu sein. Heimlich spioniert er seinem Sohn nach, und siehe da, Larry war nie Mitglied des Schultheaters, wo er angeblich seine Abende verbringt …

Der Plot dieser Geschichte ist wieder mal nicht besonders ausgeklügelt, aber das macht nichts: Es macht einfach Spaß, so langsam in diesen kleinen Kosmos einzutauchen, der wie ein Kaleidoskop erleuchtet wird. Es werden uns kleine genau geschilderte Versatzstücke des (Polizei-)Alltags gezeigt, die durch den Bogen der Geschichte nur gehalten werden, die abwechselnden Schauplätze haben nur bedingt miteinander zu tun. Wir erhalten kleine, konzentrierte Einblicke in die Forensik (Laboruntersuchungen, Fingerabdrücke etc.), in das Leben puertorikanischer und anderer Einwanderer, in die Wandlung einzelner Straßenzüge, in ein durchschnittliches amerikanisches Familienleben, der Bürotrott des 87. Polizeireviers wird immer wieder angerissen. Und immer wieder, wie auch in den bisherigen Romanen, gibt es kleine, elegante Absätze über das Leben in der Stadt. Einen kurzen Abschnitt möchte ich zitieren, der ganz typisch für McBain ist (und der mit dem Fall nichts zu tun hat):

„In den Straßen drängten sich die letzten Kunden. Die Zeit wurde knapp. Die Reklamefachleute, die seit dem Erntedankfest die Kundschaft bearbeitet hatten, betranken sich jetzt eilig in ihren Büros. Die Öffentlichkeit sah sich gefangen in diesen geschäftstüchtigen Machinationen eines Festes, das völlig die Proportion zu der schlichten Geburt von Bethlehem verloren hatte. Die Leute rannten und eilten, wunderten sich und machten sich Sorgen. War das Geschenk für Josephine teuer genug? Waren alle Weihnachtskarten zur Post gebracht worden? Und der Baum – hätte er nicht längst gekauft sein müssen? Trotz des bunten Glitzerspieles, das die reklametüchtigen Superhirne in Szene setzten, trotz des kommerziellen Wettlaufes, zu dem man das Weihnachtsfest gemacht hatte, gab es da noch etwas anderes. Einige Menschen sahen sich Gefühlen ausgesetzt, die sie nicht beschreiben konnten. Es war Weihnachten. Das heilige Fest. Einige Leute blickten hinter den Tand und das elektrische Funkeln, sie übersahen die zahllosen Weihnachtsmänner mit ihren schäbigen Mänteln und Bärten in der Hall Avenue. Einige Menschen empfanden etwas anderes als das, was die Reklamefachleute ihnen vormachen wollten. Einige Menschen fühlten sich wohl und empfanden Freude, sie waren freundlich und erfreuten sich ihres Lebens. Das bewirkte Weihnachten bei einigen Leuten.“

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Duane Louis: Blondes Gift

Duane Louis: Blondes Gift. – München: Heyne, 2007

Jack sitzt in der Flughafenbar, als ihm eine ihm fremde Frau eröffnet, sie habe ihm gerade Gift in sein Bier getan, er werde noch zehn Stunden leben. Jack hält das für eine interessante Art der Anmache und die Frau für eine Spinnerin, auch wenn sie ihm genau erklärt, wie die Symptome verlaufen werden. Sie stellt die Forderung, er müsse nun bei ihr bleiben, dann würde sie ihm das Gegengift geben. Jack verabschiedet sich – kein Grund, unhöflich zu werden – aber kaum in seinem Hotel angelangt, geht die Kotzerei los. Offensichtlich hat die Frau nicht gescherzt. Schnell fährt er mit dem Taxi zurück zum Flughafen und kommt gerade noch rechtzeitig: Die Frau verabschiedet sich mit einem langen Kuß von einem Begleiter und fährt mit Jack zurück ins Hotel. Dort erzählt sie ihm eine irre Geschichte: Sie, Kelly White, sei Mitarbeiterin in einem Labor gewesen, daß mit Nanopartikeln zur Ortung von Entführungsopfern experimentiert. Sie habe sich mit einem Serum infiziert, nun würden sich die von einem Satelliten ortbaren Nanoteilchen in ihren Körpersäften virengleich vermehren, aber es sei etwas schief gegangen, die Teilchen seien ein Ortungssystem, das feststellen könne, wenn sich in einem Radius von drei Metern niemand in ihrem Umkreis befinde. Wenn das der Fall sei, würde ihr Gehirn explodieren, was mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ihren Tod bedeuten würde.

Perspektivenwechsel. Der Mitarbeiter des nach dem 9/11-Debakel ins Leben gerufenen Ministerium für Heimatschutz Kowalski wird gern als Killer eingesetzt. Der Ex-GI erhält seine Befehle über Handy, und eine seiner besonderen Fähigkeiten ist, keine Fragen zu stellen. Unterbrochen in seiner Privatfehde gegen die italienische Mafia von Philadelphia (die hatte seine schwangere Freundin getötet, seitdem eliminiert er peu à peu alle ihre Mitglieder), erhält er den Auftrag, den von Kelly White am Flughafen geküßten Mann zu verfolgen. Noch nicht lange in seinem Haus, liegt dieser tot in seinem Bad – sein Hirn ist explodiert. Kowalski erhält den Befehl, den Kopf abzutrennen und zu einem bestimmten Ort zu bringen, was aber für ihn bedeutet, nicht nur die hysterische Frau des Opfers, sondern auch einen neugierigen und habgierigen Nachbarn ruhig zu stellen – sprich: Zu töten. Kowalski ist langsam genervt: Der Kontaktmann erscheint nicht, stattdessen soll er in das Hotel fahren und Kelly White sicherstellen, den Kopf in einer Sporttasche immer dabei …

Und so geht’s immer weiter, die Handlung rennt und rennt und rennt – in immer unwahrscheinlichere Verläufe. Die Kapitel sind teilweise nur Sekundenabschnitte, es gibt noch mehr Leichen, Prügeleien, unglaubliche Szenen, ein bißchen ist das ganze wie ein Comic. Die Auflösung ist läppisch, nicht nur weil der bisher unbescholtene Jack en passant seine Frau, die sich von ihm scheiden lassen will, umbringt, um die Fürsorgefrage für das gemeinsame Kind für sich zu entscheiden: Die Ausgangssituation und der Verlauf der Geschichte sind so abstrus, die Geschwindigkeit so rasant, daß dem Verfasser wahrscheinlich nichts besseres einfiel, als sie einfach mit einer kleinen Lösung auslaufen zu lassen. Nett sind die satirischen Seitenhiebe auf den amerikanischen Sicherheitswahn seit dem 11. September 2001 und seine Gefahren, und die Charakterisierung des Killers Kowalski, dem sein Ausweis als Mitarbeiter des Heimatschutzministeriums Tür und Tor öffnet, macht Spaß. Insgesamt jedoch halte ich den Roman für mißlungen. Kann man lesen, muß man aber nicht, ich war am Ende eher unbefriedigt: Schnell gelesen, aber ebenso schnell wieder vergessen.