Minette Walters: Fuchsjagd

Minette Walters: Fuchsjagd (Fox Evil). – München: Goldmann, 2007. – 476 S.

Der junge Londoner Rechtsanwalt Mark Ankerton verbringt die Weihnachtstage auf dem Sitz seines Mandanten, des pensionierten Colonel James Lockyer-Fox, um ihm beizustehen. Die Frau von Lockyer-Fox ist nämlich gerade unter mysteriösen Umständen gestorben: Sie ist nachts auf der Terrasse des eigenen Hauses erfroren. Obwohl Lockyer-Fox offiziell von jedem Verdacht freigesprochen wurde, brodelt die Gerüchteküche in dem kleinen Ort Shenstead, besonders angeheizt durch zwei seiner besser gestellten Damen, Eleanor Bartlett und Prue Weldon, die sich nicht nur in aller Öffentlichkeit das Maul zerreißen, sondern Lockyer-Fox mit nächtlichen Anrufen terrorisieren. Ankerton sieht an seinem leicht heruntergekommenen Mandanten erschrocken, daß die Zermürbungspraxis erfolgreich zu sein scheint, denn noch eine Person ruft mit verstellter Stimme ständig an und droht mit Insiderwissen aus den nicht immer glücklichen Annalen der Familie. Der Colonel verdächtigt seinen verstoßenen Sohn, ein Spieler und Gauner, dem Erhalt des Erbes etwas nachhelfen zu wollen, und bemüht sich deshalb um Kontakt zu seiner 28jährigen Enkelin, die ein Kind seiner drogensüchtigen Tochter ist und als Baby zur Adoption freigegeben wurde. Die Enkelin, Nancy Smith, kommt auch nach erstem Zögern zu Besuch und versucht, Mark Ankerton in seinen Bemühungen zu unterstützen, Licht in die undurchsichtigen Verhältnisse zu bringen.

Zeitgleich besetzt fahrendes Volk, also nichtsesshafte New-Ager, unter der Führung eines charismatischen, aber brutalen Mannes, der sich Fox Evil nennt, ein kleines Wäldchen in Shenstead, das nach urkundlichen Angaben niemandem gehört, um das Bleiberecht zu ‚ersitzen‘. Schnell wird jedoch klar, daß Fox Evil Schlimmeres im Schilde führt und seine Mitstreiter nur für seine eigenen Zwecke mißbraucht.

Wer ist dieser Evil Fox? Was wird aus seinem unterentwickelten, aber intelligenten 10-jährigen Sohn? Warum erschlägt jemand brutal Füchse und wirft ihre Kadaver auf Lockyer-Fox‘ Terrasse? Was wird aus dem fahrenden Volk? Welches böse Spiel spielen die drogensüchtige Tochter und der spielsüchtige Sohn? Werden Ankerton und Nancy ein Liebespaar? Muß man diesen Roman lesen?

Zumindest die letzte Frage will ich beantworten: Nein, im Gegenteil, es ist nur meiner Ankündigung einer Besprechung zu verdanken, daß ich bis zum Ende durchgehalten habe: Das Buch ist überflüssig und langweilig, die absolut uninteressanten Familienverhältnisse werden wieder und wieder durchgekaut, die Figuren sind klischeehaft und blaß, nicht einmal der vermeintliche Oberschurke erhält Tiefe. Spaß machen lediglich die Charakterisierungen der beiden Waschweiber Prue und Eleanor, die mit satirischer Überspitzung dargestellt werden, und das einzige, was einen bei der Stange hält, ist die Sprache: Die kann schon was, die Walters, die Dialoge sind an einigen Stellen sehr geschliffen, der sprachliche Stil insgesamt verrät einiges an Talent. Das ist allerdings nicht Neues, schließlich ist das hier ihr neunter Roman. Insgesamt rate ich von der Lektüre ab, mir jedenfalls ist er mächtig auf die Nerven gegangen.

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Robert Littell: Die kalte Legende

Robert Littell: Die kalte Legende (Legends). – Frankfurt am Main: Scherz, 2006

In Geheimdienstkreisen bedeutet der Begriff „Legende“ eine Tarngeschichte für einen Agenten, die möglichst wasserdicht sein muß, um auszuspionierende Gruppen infiltrieren zu können. Ex-CIA-Agent Martin Odum hatte schon viele Legenden, dummerweise hat er aufgrund eines Traumas vergessen, wer er denn nun wirklich ist: Ist sein Name, sind seine Gewohnheiten und Abneigungen, seine Wesensart und Fähigkeiten seine eigenen, oder auch nur Teile einer Legende? Mindestens zwei weitere Identitäten sind ihm sehr präsent und schaffen sich manchmal Raum, obwohl sie ganz anders sind, als die Identität Martin Odum … Nun arbeitet er als Privatdetektiv, dem es ein angenehmer Gedanke ist, sich zu Tode zu langweilen, als ihm eine junge Frau den Auftrag erteilt, den verschollenen Mann ihrer strenggläubig-jüdischen Schwester zu suchen: Die Ehe wurde nie vollzogen, und zur Scheidung muß der Mann die entsprechenden Papiere unterschreiben. Odum hat nicht viel Interesse an dem Fall, zumal er nach Israel reisen müßte, als aber seine Ex-Chefin ihm unerwarteterweise zu verstehen gibt, daß es zu seinem eigenen Besten sei, die Finger davon zu lassen, wird er neugierig – und nimmt den Auftrag an. Es beginnt eine abwechslungsreiche Odyssee durch halb Europa (London, Prag, Litauen, Moskau), die Geschichte wird immer vertrackter, alle möglichen Gruppen scheinen ihm neben der CIA nach dem Leben zu trachten. Langsam beginnt Martin Odum, sich zu erinnern …

Dieses Buch hat 2007 den Deutschen Krimipreis erhalten – ich habe nicht genug Krimis im letzten Jahr gelesen, um beurteilen zu können, ob es nicht vielleicht noch bessere gegeben hat, dieser hier ist jedenfalls wirklich sehr sehr gut. Eine immer komplexer werdende Geschichte, die zum Schluß weltgeschichtliche Ereignisse zu erklären versucht, und trotzdem liest sie sich wie ein rasanter, mit Witz und Ironie geschriebener Abenteuerroman. Die Rückblicke, die die verschiedenen Legenden lebendig machen, sind kurzweilig, die Liebesgeschichte amüsant und nur wenig kitschig, und die Beschreibung der Skrupellosigkeit verbrecherischer Politiker und Machtmenschen wird durch den hohen Unterhaltungswert des Buches nie relativiert. Eine gute Geschichte mit aufklärerischer Aussage in einem lakonischen, perfekt ausbalancierten Ton erzählt – bravo!

Nur zum Schluß ein kleiner Wermutstropfen: Selbstjustiz, so gerechtfertigt sie auch zu sein scheint und zu deren Zustimmung Littell uns geneigt machen will, ist immer, immer reaktionär.

PS: Die Besprechungen sämtlicher Romane von Robert Littell findet man hier.

Ed McBain: Polizisten leben gefährlich

Ed McBain (1): Polizisten leben gefährlich (Cop hater, 1956). – Frankfurt/M.: Ullstein, 1966

Der letzte Satz lautet: „Ende der Hitzeperiode“. Und heiß ist es wirklich, auch im übertragenen Sinne, im 87. Polizeirevier von New York. Ein Cop-Killer geht um, innerhalb kurzer Zeit werden drei Kollegen von Detektive Steve Carella hinterrücks erschossen. Besonders nah geht ihm der Mord an seinem Partner Hank Bush, und jeder kann der nächste sein. Alle üblichen Verdächtigen werden überprüft, drogensüchtige Koks-Dealer, ehemalige Kriminelle, die den Cops ihren Knastaufenthalt zu verdanken und daraufhin Rache geschworen haben, Jugendgangs, mit denen die Polizei eigentlich Frieden geschlossen hatte, doch nirgends ergibt sich eine heiße Spur. Bis ein skrupelloser Journalist zum unfreiwilligen Geburtshelfer der Lösung wird in dieser heißen Stadt …

Ed Mc Bain kennt fast jeder, ohne es zu wissen: Er schrieb das Drehbuch für Hitchcocks „Die Vögel“. Dies ist sein erster Roman über das 87. Revier, über 50 sollen noch folgen und den Verfasser weltweit bekannt machen. „Ed McBain war nicht nur der erste Autor, der kriminaltechnische und forensische Details in seinen Kriminalromanen verarbeitete. Ed McBain ist der Erfinder eines ganzen Genres – des Police Procedurals.“ heißt es auf www.kaliber38.de.
Die Geschichte ist nicht besonders komplex, die Figuren noch ein wenig holzschnittartig und blaß und die Gewichtung der Szenen dieses kurzen Romans lassen den geübten Krimileser relativ früh ahnen, wo die Lösung des Falls zu suchen ist. Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen: In der Kürze liegt hier tatsächlich Würze, es herrscht ein knapper, trockener Ton vor, die Dialoge wirken meist nicht gekünstelt, und wenn doch mal, kann das sehr gut an der Übersetzung aus den 60er Jahren liegen: Da ist schon mal einer ein „Blödling“, und den Ausdruck „Schiet“ für Scheiße habe ich zum letzten Mal in meiner Jugend im Ohnesorg Theater gehört.
Die Romane von Ed McBain über das 87. Polzeirevier werde ich hier in der Reihenfolge ihres Erscheinens peu á peu vorstellen.