Daniel Suarez: Daemon

Daniel Suarez: Daemon. – Reinbek: Rowohlt, 2010

Gastrezension von Karin Henjes.

Nach den ersten zehn, zwanzig Seiten ist ein heftiger Impuls zu verspüren. Nichts wie hin zum Laptop und alles löschen: das Profil bei Xing, die Blogposts und am besten auch noch alle E-Mail-Konten. Abgesehen davon, dass das meiste trotzdem überdauert, ist das ein billiger Fluchtimpuls. Besser wäre es, sich mit Computern wirklich auszukennen. So wie Daniel Suarez, der obigen Impuls mit seinem IT-Thriller „Daemon“ provoziert. „Es war meine Absicht, die Augen der Öffentlichkeit für die Fragilität unserer hyper-verlinkten Welt zu öffnen,“ bekundet Daniel Suarez seine schriftstellerische Intention im E-Mail-Kontakt. „Ein Thriller schien mir das beste Medium“.

Während in Deutschland die ersten Exemplare kursieren, ist das coole Teil in den USA bereits Kult, im Film-Kasten und mit einer Fortsetzung am Start. Daniel Suarez, dessen „Daemon“ seit 19. März in Deutschland vertrieben wird, arbeitet als Systemberater und hat in der englischsprachigen Netzgemeinde den Status eines Cyberpunkers. Bereits 2006 veröffentlichte er seinen Page-Turner im amerikanischen Eigenverlag, 2009 erschien bei Dutton die offizielle Version von „Daemon“ – die nun auch in Deutschland die Netzgeister auf den Plan ruft. Und zwar, indem sie selbst einen Geist heraufbeschwört: den fiktiven Softwaremogul Matthew A. Sobol, der sich die Welt via Informationstechnologie einverleibt. Schon diese technisch fundierte Geschichte allein würde reichen, ein globales Magengrummeln zu erzeugen. Der Clou an Suarez‘ Fiktion aber ist, dass Sobol nicht mehr lebt. Dessen Unterwerfungsprogramm – eine sogenannte „Daemon“-Funktion – startet erst, nachdem Sobol einem Hirntumor erliegt. Es agiert unwiderruflich und tritt stets nach klar definierten Ereignissen in (schreckliche) Aktion. Sei es in Form von EDV-animierten Morden via Haustechnik, Unterwelt-Handel mit gestohlenen Identitäten oder Infiltration gigantischer Kommunikationssysteme.

„Daemon“ dokumentiert mehr als ein Jahr und zahlreiche Charaktere. Der eigentliche Protagonist des Romans jedoch ist Matthew A. Sobol. Der wiederum steht für einen ungleich komplexeren Charakter: das Internet. Mit drastischen erzählerischen Mitteln wird allen Nicht-IT-lern auf 656 Seiten klar gemacht, wie wenig sie über die Maschinen, die sie täglich bedienen, wissen. Als besonders gefährlich erachtet Daniel Suarez dabei die Homogenität der großen Netzwerke. „Die Unternehmen wachsen und fusionieren“, äußert der Software-Profi besorgt. „Gleichzeitig vereinheitlichen sie ihre Systeme, damit diese leichter zu handhaben sind. Indem sie jene zusammenführen und Überkapazitäten eliminieren, werden sie uniform und anfällig – ähnlich wie Monokulturen in der Natur.“

Als herausragende Eigenschaft des Sobol’schen Daemon-Programms hebt Daniel Suarez immer wieder dessen Fähigkeit hervor, Informationen zu lesen und darauf zu reagieren. Für die Menschheit wäre es an der Zeit, diese „Daemon“-Eigenschaft ebenfalls zu kultivieren. Längst schon müsste es eine schulische Disziplin geben, die sich im großen Stil mit allen Aspekten der Informationstechnologie befasst. Schließlich sei es in einer Demokratie überlebensnotwendig, die Funktionsweise von Netzwerken und die Wege der Daten zu kennen, mahnt Suarez an. Sonst, so das Fazit seines eindringlichen Druckwerks, wird es weitergehen wie bisher: Ein paar Freaks, ein paar Unternehmer und ein paar Politiker formen die neue Welt. Denn eines wird in „Daemon“ mehr als deutlich: Das Internet ist die Welt.

(c) Karin Henjes

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Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. 14. Aufl. – Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010

Berlin, Mai 1929. Kriminalkommissar Gereon Rath, Anfang 30, verbringt seine ersten Tage in seiner neuen Dienststelle, der Sittenpolizei. Eigentlich schlägt sein Herz für die Mordkommission, aber wie man peu à peu erfährt, hat er in Köln in Ausübung seines Dienstes einen jungen Mann erschossen, der ausgerechnet der Sohn des dortigen Medienzaren gewesen ist, und dieser versuchte nun, Gereon Rath in seinen Gazetten fertig zu machen. Rath sah keine andere Möglichkeit, als die Dienststelle zu wechseln, und die einzige freie Stelle in Berlin war bei der Sitte. Durch Zufall sieht er im Leichenschauhaus die verstümmelte Leiche des Mannes, der einige Tage vorher in seiner Pension nach seinem russischen Vormieter gesucht hatte – anstatt dem hochmütigen Kollegen von der Mordkommission sofort davon in Kenntnis zu setzen, macht er sich daran, den Fall auf eigene Faust zu lösen, während die Kollegen im Dunkeln tappen.

Die Kulisse, in der die Handlung spielt, ist der in die Geschichte eingegangene „Blutmai“: In den Arbeitervierteln Berlins kam es zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen – trotz Demonstrationsverbot – demonstrierenden Arbeitern und der Polizei, die durch ihr schießfreudiges Verhalten zu einer Eskalation der Verhältnisse führte. Nach sechs Tagen waren 33 Tote auf Demonstrantenseite zu verzeichnen. Doch in den anderen Vierteln ging das Leben seinen normalen Gang, und so tingelt Rath durch die Varietés der Stadt, um herauszufinden, was es mit dem toten Russen auf sich hat.

Die Leute rauchen Overstolz und Juno und fahren in Autos der Marke Horch. Am Hermannplatz wird gerade die Ubahn gebaut, am Kiosk kann man den „Angriff“ kaufen (das Hetzblatt der ‚Völkischen‘), der Tote wird aus dem Landwehrkanal gefischt und an der Friedrichstraße stehen Häuser. Aha. Es gibt auch Transvestiten-Varietés. Wenn der gemeine Berliner spricht, ‚balinert‘ er. Als ein vollgekokster Pornodarsteller hoch oben auf einem Gerüst nach einer Verfolgungsjagd schließlich gestellt wird, sagt der erwartungsgemäß: „Und wenn ick dir ein Loch in deine Birne brate, kannste det ooch verjessen, wa?“

Hilfe, genug! Die Sprache ist hölzern, die Personen durchgängig blaß, die Szenerie strotzt von klischeehaften überflüssigen Beschreibungen und Belehrungen, der Plot ist langatmig, und die Hauptperson hat die psychische Reife eines Vierzehnjährigen. Der Roman hat 543 Seiten – bei Seite 155 habe ich entnervt aufgegeben.

Wer mehr über die interessanten historischen Hintergründe des „Blutmai“ wissen will, ist bei Wikipedia gut aufgehoben, der Rest ist Zeitverschwendung. Und wer sich für die Weimarer Republik interessiert, sollte die Kajetan-Romane von Robert Hültner lesen.

John Harvey: Schau nicht zurück

John Harvey: Schau nicht zurück. – München: dtv, 2007

Die Polizistin Maddy Birch wird bei einem Polizeieinsatz Zeugin bei der Erschießung des mutmaßlichen Verbrechers James Grant – Notwehr, so heißt es bei der anschließenden Untersuchung, aber es bestehen Zweifel, denn plötzlich war neben dem Erschossenen eine kleine Derringer-Pistole aufgetaucht, über deren Herkunft Maddy sich nicht ganz sicher ist. Ein paar Tage später ist Maddy tot, beim Joggen erstochen. Als der pensionierte Detective Inspector Frank Elder Interesse an dem Fall zeigt, da er die Polizistin von früher kennt, wird er gebeten, bei der Aufklärung behilflich zu sein. Ist sie vielleicht das Opfer eines früheren Liebhabers geworden, der von seinen jeweiligen Freundinnen befremdliche Sexpraktiken verlangte? Oder steckt mehr hinter der Sache? Elder verfolgt den Verdacht, Polizisten könnten in illegale Machenschaften verwickelt sein – und gerät dabei in Lebensgefahr.

Die Frank-Elder-Romane von John Harvey (dies ist der zweite) haben einen melancholischen Grundton. Frank Elder, geschieden und Vater einer Tochter, die nicht mehr mit ihm spricht, hat sich in einem kleinen Häuschen im tiefsten Winkel von Cornwall verkrochen und ist froh, wenn er niemanden sehen muß, nur seiner Gutmütigkeit und Neugier ist es zu verdanken, dass er sich ‚reanimieren‘ läßt und ins Gewühl der Menschen zurückkehrt. Als seine Ex-Frau ihn anruft, er möge sich um seine traumatisierte Tochter kümmern (siehe „Schrei nicht so laut“, den erste Elder-Roman), die langsam Gefahr läuft ins Drogenmilieu abzurutschen, fährt er sofort los, allerdings ohne viel Hoffnung, etwas ausrichten zu können. Normalerweise hasse ich solche privaten Verstrickungen in einem Krimi – was gehen mich die Privatscherereien der Ermittler an? Muß ich damit belästigt werden? Gut, manchmal mag es sinnvoll sein, in der Regel ist es ein nervtötender dramaturgischer Trick, den Leser emotional an die Figur zu binden, was mir kolossal auf die Nerven geht. Hier nicht – Harvey schafft es durch seine unaufgeregte Art, daß ich wissen will, was da passiert.
Voller Überraschung begegnet man einem alten Bekannten – Charlie Resnick, Detective in Nottingham und Hauptperson der zehnbändigen Resnick-Reihe von Harvey, von denen nur sechs ins Deutsche übersetzt wurden und die im Buchhandel nicht mehr erhältlich sind. Als Harvey mit dem ersten Elder-Roman relativ viel Erfolg in Deutschland hatte, habe ich mit bewusster Naivität eine email an den Goldmann-Verlag geschrieben, er möchte doch bitte die restlichen Resnick-Romane übersetzen lassen und die ganze Reihe neu auflegen – sie haben mir erwartungsgemäß nicht geantwortet. Zum Haare ausraufen: Da sorgt so ein schlechter bis mittelmäßiger Kram wie die Bücher von Donna Leon oder Elizabeth George für riesige Auflagen, und einer der Besten des Genres wird dem Publikum vorenthalten. Dabei bin ich mir sicher: Wären die Resnick-Romane ansprechend aufgemacht und nicht angeboten worden wie die letzte Schundliteratur, was der Goldmann-Verlag in den vergangenen Jahren ja gern unterschiedslos machte, auch sie würden – und diesmal gerechterweise – ein großes Publikum finden.

Stieg Larsson: Verdammnis

Stieg Larsson: Verdammnis. – München: Heyne, 2007

Lisbeth Salander hat gute Gründe, mit dem Journalisten Mikael Blomvist nichts mehr zu tun haben zu wollen – also gondelt sie, durch ihren frisch und illegal erworbenem Reichtum dazu befähigt, in der Weltgeschichte herum. Wieder zurück in Schweden erfährt sie, daß er an einer Geschichte über Mädchenhandel arbeitet, und entdeckt Namen, die sie persönlich betreffen. Sie ermittelt auf eigene Faust. Als nicht nur der recherchierende Journalist Dag Svensson und dessen schwangere Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden werden, sondern auch der staatlich bestellte Betreuer Lisbeths Nils Burman erschossen wird und in beiden Fällen ihre Fingerabdrücke in unmittelbarer Nähe bzw. an der Waffe gefunden werden, beginnt eine beispiellose Hatz auf sie. Doch nicht nur Presse und Polizei versuchen sie zu finden, auch Leute, von denen Lisbeth nur vermuten kann, wer sie sind, trachten ihr nach dem Leben. Mikael Blomkvist versucht unterdessen, das Dickicht zu entwirren, er ist der einzige, der an Lisbeths Unschuld glaubt, doch die entzieht sich seiner Hilfe weitgehend. So langsam entwickelt sich ihm aber das Bild eines Skandals, der weit in die schwedische Geschichte zurückreicht und der mit Lisbeths Leben unmittelbar verbunden ist.

Auch diesen zweiten Teil der Trilogie von Stieg Larsson habe ich gern gelesen, auch wenn man die ersten 250 Seiten gut auf 50 hätte kürzen können. Doch der Stil ist gewohnt flüssig, man liest das so weg und entwickelt Interesse an den Personen. Es gibt allerdings manche Übertreibungen, die meines Erachtens nicht nötig gewesen wären, so gibt es z.B. einen bösen Menschen, der nicht nur sehr groß und unglaublich stark ist, sondern auch aufgrund eines genetischen Defekts keinen Schmerz empfindet – ein quasi unbesiegbarer böser Superheld. Die hochintelligente Lisbeth Salander, bei der man vermutlich eine leichte Form von Autismus diagnostizieren kann, löst nebenbei ein mathematisches Rätsel (den Fermatschen Satz), dessen Lösung in der Wirklichkeit viele Generationen von Mathematikern beschäftigt hat – völlig überflüssig. Auch der Showdown am Ende ist zwar spannend, aber hanebüchen.

Der zweite Teil ist im Gegensatz zum ersten, der in sich geschlossen ist, ein echter Fortsetzungsroman, wenn man wissen will, wie alles ausgeht, muß man auch den dritten Teil lesen. Ich freu mich schon darauf.

Ed McBain: Späte Mädchen sterben früher

Ed McBain (4): Späte Mädchen sterben früher (The Con Man, 1957). – Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1987

Die nicht mehr ganz junge Frau, deren Leiche man aus dem Fluß gezogen hat, ist nicht ertrunken, sonder an einer Arsenvergiftung gestorben. Sie hat eine Tätowierung an der Hand, bestehend aus den Buchstabem MAC und einem Herz drumherum. Ist sie die seit kurzem vermißte Mary Louise Proschek, die ihre Eltern mit über 4000 Dollar in der Tasche verlassen hat, um in der Großstadt ihr Glück zu suchen? Steve Carella vom 87. Polizeirevier macht sich auf die Suche nach Tätowier-Studios, um Anhaltspunkte zu finden, und auch seine taubstumme Frau Teddy ist nicht untätig: Wie es der Zufall will, stolpert sie über eine heiße Spur und begibt sich in Lebensgefahr.
Wenn die Detectives Arthur Brown und Bert Kling nicht so stur auf der Suche nach Trickbetrügern wären, hätte der Mörder schon hinter Schloß und Riegel sitzen können …

In einer früheren Besprechung habe ich geschrieben, das 87. Polizeirevier liege in New York. Hier nun werde ich eines Besseren belehrt, McBain sieht sich zu einer Vorbemerkung genötigt: „Die hier geschilderte Stadt existiert nicht; Personen und Schauplätze sind frei erfunden. Nur Arbeit und Untersuchungsmethoden der Polizei sind wirklichkeitsgetreu dargestellt.“ – und das auch hier wieder angenehm, leicht, mit ironischem Augenzwinkern und sympathischen Figuren. Das macht Spaß und Lust auf mehr. Zum ersten Mal läßt auch die Sprache der Übersetzerin nichts zu wünschen übrig.
Ein Zitat von der ersten Seite mag einen kleinen Eindruck vermitteln:
„Gesetz und Gesetzeshüter bestreiten keinem Menschen das Recht, dem Dollar nachzujagen. Sie befassen sich nur mit den Mitteln und Wegen, wie der begehrte Mammon erworben wird. Sollten Sie beispielsweise eine spezielle Vorliebe fürs Safeknacken haben, dürfte Sie das strafende Auge des Gesetzes treffen. Oder falls sie gern Ihren Mitmenschen eins über den Schädel hauen und ihnen die Brieftasche klauen, können Sie kaum der Polizei die Schuld daran geben, wenn man Sie etwas scheel ansieht. Oder, gesetzt den ein wenig extremen Fall, daß Sie sich Ihren Lebensunterhalt durch Waffenverleih gegen Geld verdienen, daß Sie Ihre Revolver dazu verwenden, gegen Honorar Menschen zu erschießen – dann dürfen Sie sich wirklich nicht wundern! Sie können jedoch auch ein Gentleman bleiben, ein Leben voller Abenteuerromantik mit kriminellem Einschlag führen, die Welt sehen, eine Menge reizende Leute kennenlernen, zahllose eisgekühlte Drinks schlürfen und trotzdem viel Geld verdienen … Und alles damit, daß Sie die Leute übers Ohr hauen. Sie können, kurz gesagt, die Betrügerlaufbahn einschlagen.“

Nick Stone: Voodoo

Nick Stone: Voodoo. – München: Goldmann, 2007

Max Mingus, einst gefeierter Polizist, dann erfolgreicher Privatdetektiv, hat nichts mehr zu verlieren: Als er nach sieben Jahren aus dem Knast kommt, in dem er wegen Totschlags gesessen hatte, ist seine heiß geliebte Frau gerade an einer Hirnblutung gestorben, und aufgrund seiner Taten hat er in den Staaten Berufsverbot. So läßt er sich halb widerwillig auf das Angebot der Milliardärsfamilie Carver aus Haiti ein: Er soll den fünfjährigen jüngsten Sproß der Familie, der seit zwei Jahren vermißt wird, für 10 Millionen Dollar aufspüren. Er fliegt also nach Haiti, wo ihm eine Angestellte der Familie, Chantale, als Assistentin an die Seite gestellt wird. Mit ihr zusammen versucht Mingus, die Umstände der Entführung aufzuklären: Hat der geheimnisvolle Herrscher der Slums, der Rebell Vincent Paul, etwas damit zu tun? Welche undurchsichtige Rolle spielte die Familie Carver während der Terrorherrschaften der Duvaliers (Papa Doc und Baby Doc)? Was hat es mit der Legende von Monsieur Clarinette auf sich, dem ein ähnlicher Einfluß zugeschrieben wird wie dem Rattenfänger von Hameln? Tatsächlich verschwanden schon immer Kinder auf unbekannte Weise – Mingus kommt grausigen Zusammenhängen auf die Spur, die ihn nicht nur tief in die von Aberglauben gekennzeichnete und stark verarmte Gesellschaft von Haiti führen, sondern auch die heuchlerische Verstrickung der USA in die grauenvolle Geschichte Haitis zeigen.

Der Roman, Nick Stones Erstling, ist nicht schlecht: Mehr oder weniger geschickt wird der Plot mit der Geschichte eines der ärmsten und meistausgebeuteten Länder der westlichen Hemisphäre verwoben. Die Schuld der Mächtigen und Reichen reicht weit in die Geschichte des Landes zurück, die skrupellos ihre Interessen mit Hilfe der Amerikaner durchsetzten. Ganz konkret werden humanistische Fehlentscheidungen der amerikanischen Regierungs-Administrationen jeglicher Couleur zugunsten von wirtschaftlichen Interessen angeprangert und dem Leid eines im Voodoo-Glauben verhafteten Volkes gegenübergesetzt. Stilistisch gelingt das nur mäßig: Die einzige Erzählperspektive ist die von Max Mingus, und das ist manchmal etwas holperig, vielleicht hätte sich der Autor besser für die Ich-Perspektive entschieden? Viele Dinge, Mingus betreffend, sind unglaubwürdig, z.B. war er noch nie in Haiti, spricht die üblichen Sprachen nicht und hat keine Bekannten dort – die schlechtesten Voraussetzungen für ein Engagement, die man sich vorstellen kann. Und so hat er auch oft mehr Glück als wahrscheinlich ist – na ja, ist eben ein Roman. Was mir manchmal richtig auf die Nerven ging, waren die stellenweise miese Sprache und äußerst mißglückte Szenen, z.B. S. 250, Mingus interviewt einen alten weisen Voodoo-Priester: „Es steckte vielleicht nicht mehr allzu viel Leben in Dufour, aber Max spürte den eisernen Willen, der seinen gebrechlichen Körper aufrecht hielt.“ Immer wieder gibt es solche ironiefreien und klischeeverliebten Sätze. Aber Stone übt ja noch.

Ed McBain: Der Pusher

Ed McBain (3): Der Pusher (Pusher, 1956). – Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1987

Winter. Anibal Hernandez wird von Streifenpolizist Dick Genero tot in seiner Wohnung gefunden, erhängt, so wie es auf den ersten Blick aussieht, doch bald stellt sich heraus, das der junge Pusher (heute würde man sagen: Drogendealer) an einer Überdosis Heroin gestorben ist, und offensichtlich hat das jemand als Selbstmord tarnen wollen. Auch die Spritze, die neben dem Opfer liegt, trägt fremde Fingerabdrücke. Carella und Kling tappen im Dunkeln, die Befragung der drogensüchtigen Schwester, die sich für ihre Sucht prostituiert, führt Carella auch nicht weiter. Er schnüffelt ein bißchen in der Drogenszene herum und erfährt, daß ein gewisser Gonzo der Nachfolger sein soll. Er macht sich auf die Suche, ohne zu wissen, daß er sich in Lebensgefahr begibt. Währenddessen erhält der Chef des 87. Polizeireviers Peter Byrnes einen anonymen Anruf, die Fingerabdrücke auf der Spritze sollen seinem heroinabhängigen achtzehnjährigen Sohn Larry gehören – Byrnes fällt aus allen Wolken, dachte er doch bisher, Oberhaupt einer völlig intakten Familie zu sein. Heimlich spioniert er seinem Sohn nach, und siehe da, Larry war nie Mitglied des Schultheaters, wo er angeblich seine Abende verbringt …

Der Plot dieser Geschichte ist wieder mal nicht besonders ausgeklügelt, aber das macht nichts: Es macht einfach Spaß, so langsam in diesen kleinen Kosmos einzutauchen, der wie ein Kaleidoskop erleuchtet wird. Es werden uns kleine genau geschilderte Versatzstücke des (Polizei-)Alltags gezeigt, die durch den Bogen der Geschichte nur gehalten werden, die abwechselnden Schauplätze haben nur bedingt miteinander zu tun. Wir erhalten kleine, konzentrierte Einblicke in die Forensik (Laboruntersuchungen, Fingerabdrücke etc.), in das Leben puertorikanischer und anderer Einwanderer, in die Wandlung einzelner Straßenzüge, in ein durchschnittliches amerikanisches Familienleben, der Bürotrott des 87. Polizeireviers wird immer wieder angerissen. Und immer wieder, wie auch in den bisherigen Romanen, gibt es kleine, elegante Absätze über das Leben in der Stadt. Einen kurzen Abschnitt möchte ich zitieren, der ganz typisch für McBain ist (und der mit dem Fall nichts zu tun hat):

„In den Straßen drängten sich die letzten Kunden. Die Zeit wurde knapp. Die Reklamefachleute, die seit dem Erntedankfest die Kundschaft bearbeitet hatten, betranken sich jetzt eilig in ihren Büros. Die Öffentlichkeit sah sich gefangen in diesen geschäftstüchtigen Machinationen eines Festes, das völlig die Proportion zu der schlichten Geburt von Bethlehem verloren hatte. Die Leute rannten und eilten, wunderten sich und machten sich Sorgen. War das Geschenk für Josephine teuer genug? Waren alle Weihnachtskarten zur Post gebracht worden? Und der Baum – hätte er nicht längst gekauft sein müssen? Trotz des bunten Glitzerspieles, das die reklametüchtigen Superhirne in Szene setzten, trotz des kommerziellen Wettlaufes, zu dem man das Weihnachtsfest gemacht hatte, gab es da noch etwas anderes. Einige Menschen sahen sich Gefühlen ausgesetzt, die sie nicht beschreiben konnten. Es war Weihnachten. Das heilige Fest. Einige Leute blickten hinter den Tand und das elektrische Funkeln, sie übersahen die zahllosen Weihnachtsmänner mit ihren schäbigen Mänteln und Bärten in der Hall Avenue. Einige Menschen empfanden etwas anderes als das, was die Reklamefachleute ihnen vormachen wollten. Einige Menschen fühlten sich wohl und empfanden Freude, sie waren freundlich und erfreuten sich ihres Lebens. Das bewirkte Weihnachten bei einigen Leuten.“