Ed McBain: Eine große Hand zum Gruß

Ed McBain (11): Eine große Hand zum Gruß (Give the Boys a Great Big Hand, 1960). – Frankfurt/M.[u.a.]: Ullstein, 1963

März, es regnet ununterbrochen. Ein Streifenpolizist sieht gerade noch, wie jemand in einem schwarzen Regenmantel eine Tasche abstellt und in einem Bus steigt, machen kann er nicht viel. In der Tasche ist eine große, abgetrennte Hand, und wie der Laborbericht später feststellt, die Hand eines großen Mannes. Also fragen die Detektive des 87. Reviers als erstes die Vermißtendatei ab – zwei kommen in Frage. Zufällig kommt etwas später heraus, daß einer der beiden irgend eine Verbindung hat zu einer Schauspielerin, die ebenfalls vermißt wird, und die im Besitz einer Tasche einer Fluggesellschaft war, in in genau einer solchen wurde die Hand gefunden. Etwas später wird eine weitere abgetrennte Hand gefunden, aber nicht nur das: Auch die beiden vermißten Männer tauchen wieder auf …

Eine komplizierte Geschichte, konstruierte Zufälle – dieser Roman ist kein Highlight an kriminalistischer Raffinesse. Macht aber nichts, es macht Spaß, den Dialogen und den Männern vom 87. Revier zu folgen: Meyer Meyer, dessen Vater ein Witzbold war, Steve Carella, der der (unsterbliche?) Held der Romane ist, der junge Bert Kling, der wegen der Turteleien mit seiner Geliebten Claire gern mal auf den Arm genommen wird, Cotton Hawes, Frankie Hernandez mit puertoricanischer Abstammung, der allen beweisen will, daß man Puertoricaner und trotzdem ehrlich sein kann, Andy Parker, der seinen mehr oder weniger latenten Rassismus gern mal hinter ‚lustigen‘ Bemerkungen gegen Hernandez versteckt und deshalb von Carella eins aus die Nase kriegt, nicht zuletzt Leutnant Byrnes, dem es schwerfällt zu verbergen, daß er väterliche Gefühle für die ihm untergebenen Detektive hegt. Und dann ist da natürlich die Stadt, die immer wieder eine große Rolle spielt. Nachfolgend ein Zitat, daß auch – unfreiwillig komisch – Auskunft über das Frauenbild der Zeit (oder Ed McBains) gibt:

„Die City ist eine Frau. Sie könnte nichts anderes sein. Eine kleine Stadt kann wie das Mädchen von nebenan, könnte wie ein alter Mann im Schaukelstuhl oder ein schlaksiger Teenager sein, der aus seinen Blue Jeans herauswächst. Nicht aber die City. Die City ist eine Frau. Und gleich einer Frau erweckt die City Liebe und Haß, Respekt und Verachtung, Leidenschaft und Gleichgültigkeit. Es ist immer dieselbe Stadt, immer dieselbe Frau, aber zahllos sind ihre Gesichter, unwiderstehlich ist ihre Anziehungskraft. Und wenn man in der Stadt geboren ist und ihre Launen kennt, dann liebt man sie. Die Stadt ist ein Labyrinth von Straßen, auf denen man gelernt hat zu gehen, gesprungener Beton, klebriger Asphalt und Kopfsteinpflaster, hunderttausend Ecken, um die man biegen muß, hundert Millionen Überraschungen hinter jeder dieser Ecken. Das ist die City. Sie lächelt, sie lockt, sie weint, und du hängst an der Angel.
Du hast den Haken geschluckt, weil sie ihr Gesicht wandeln kann, diese Frau, und ihren Körper, und alles, was warm und zärtlich war, kann plötzlich kalt und herzlos werden – und doch bist du verliebt. Du wirst ewig in sie verliebt sein, ganz gleich, wie sie sich kleidet, ganz gleich, wie man sie verändert, ganz gleich, wer sie beansprucht. Sie ist dieselbe Stadt, die du mit den unschuldigen Augen der Jugend sahst, und sie ist dein. Und um fünf Uhr nachmittags bekommt sie ein anderes Aussehen. Um fünf wimmelt es in ihren Straßen plötzlich vor Leben. Sie hat den ganzen Tag lang in einem staubigen Wohnzimmer herumgekramt, siese Frau, diese Stadt, und jetzt ist es fünf Uhr, und plötzlich taucht sie auf. Es ist etwas lockeres in ihrem Gang, und doch verhüllt das eine gewisse Müdigkeit, und beides zusammen ergibt ein Bild der Vergangenheit und der Gegenwart, ergänzt durch ein Versprechen für die Zukunft. Die Dämmerung legt sich auf die Skyline und berührt sanft die scharfkantigen Gebäude. Das Sternenlicht wartet darauf, die Straßen mit Silber zu überziehen. Die Lichter der City, weiß und schillernd und bunt, warten darauf, ihre Arme und ihren Hals zu umschließen, sie mit Schmuck zu behängen, den sie nicht braucht. Du lauscht dem eiligen, zielstrebigen Schritt, und irgendwo in der Ferne ertönt das Grollen eines Tenorsaxophons, weit in der Ferne, weil es erst fünf Uhr ist, und die Musik beginnt in Wirklichkeit erst später. Im Augenblick sind es noch die Cocktailgläser und das unterdrückte Summen der Unterhaltung und das unbeschwerte Lachen, das die Luft erfüllt.“

Wenn nur die holperige Übersetzung nicht wäre! Ed McBain hätte eine komplette Neuübersetzung verdient.

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